Veranstaltungsprogramm des Vereins Soteria für Frankfurt 2010:

 Der im Jahre 1996 in Anwesenheit von Herrn Prof. Luc Ciompi gegründete Verein "Soteria für Frankfurt" wirbt kontinuierlich für eine humanistisch orientierte Behandlung psychotischer Störungsbilder im konstruktiven Austausch zwischen den Betroffenen und ihren Helfern. Im Verlauf der über 10-jährigen Vereinsarbeit hat sich unter den Mitgliedern eine Diskussionskultur entwickelt, in deren Rahmen sich Psychiatrieerfahrene, Angehörige und in psychiatrischen Einrichtungen tätige "Profis" im Trialog konstruktiv austauschen über die subjektiven Dimensionen psychotischen Erlebens ebenso wie über Fragen der Behandlung unter Berücksichtigung neuerer Forschungserkenntnisse.

Trotz der beeindruckenden Fortentwicklung psychopharmakologischer Behandlungs­möglichkeiten während der vergangenen 15 Jahre und trotz einer Vielzahl biologischer Erklärungsansätze zur Entstehung schizophrener und verwandter Psychosen ist bis heute in den meisten Fällen nur eine begrenzte Linderung, nicht jedoch eine "Heilung" zu erreichen. Langzeitstudien bieten deutliche Hinweise dafür, dass die "Behandlungserfolge" bei psychotischen Störungsbildern trotz aller vermeintlichen Fortschritte in Theorie und Praxis der Psychiatrie – bei zugegebenermaßen nur begrenzter Vergleichbarkeit – sich in den vergangenen 100 Jahren nicht wesentlich gebessert haben. Daher scheint es nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten, auch der subjektiven Erlebnisdimension psychotischer Zustände und geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen zu deren Erklärung die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

In diesem Sinne haben wir auch für das Jahr 2010 unser Programm gestaltet, zu dem wir alle Interessierten sehr herzlich einladen.

Die Veranstaltungen finden jeweils am 1. Dienstag im Monat von 19.00 bis 21.00 Uhr in den Räumen des Stadtgesundheitsamtes, Breite Gasse 28, statt.

 

Bitte beachten Sie, dass in den Monaten April, Mai und August keine Treffen stattfinden.

                             

02.03.2010, 19.00h:  Psychische Erkrankungen bei berühmten Persönlichkeiten in Geschichte und Gegenwart.

                                   Hier sind Sie herzlich eingeladen, auch eigene Beiträge über Prominente mit seelischen Erkrankungen einzubringen!

 

01.06.2010, 1900h:  Geschmack und Atmosphäre - Über die sinnliche Wahrnehmung und den Genuss der Welt und der eigenen Einmaligkeit

                                 

06.07.2010, 19.00h:  Jahresmitgliederversammlung

 

07.09.2010, 19.00h:  Zu den Fragen der Lebens- und Alltagsbewältigung - offener Gedankenaustausch

                                 

05.10.2010, 19.00h:  Plötzliche Einbrüche - vom Umgang mit unvorhersehbaren psychischen Irritationen wie Blitzpsychosen, Zwangseinfällen, Panikattacken     etc.

                                 

02.11.2010, 19.00h:  Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung. Herausforderungen und Chancen der lebenslangen Persönlichkeitsbildung.

 

07.12.2010, 19.00h:  Planung des künftigen Jahresprogramms.

 

 

 

 

 

 

 

Veranstaltungsprogramm des Vereins Soteria für Frankfurt 2009:

                            

03.02.2009, 19.00h:  Psychose ohne Neuroleptika –  Spiel mit dem Feuer?

                                  Dem derzeitigen Lehrbuchstandard entsprechend stellt die Gabe von Psychopharmaka aus der Gruppe der Neuroleptika eine Basis der Therapie nicht nur akuter psychotischer Zustandsbilder dar, sondern wird -abgesehen von seltenen Ausnahmefällen- mittel- bis langfristig zur Vermeidung weiterer Krankheitsschübe auf Dauer (Rezidiv-Prophylaxe) empfohlen. Auch wenn die Vielzahl der heute verfügbaren und teilweise miteinander kombinierbaren Präparate bei den meisten Betroffenen einen relativ guten Kompromiss zwischen erwünschtem Wirkeffekt und unerwünschten Nebenwirkungen möglich macht, streben doch viele Psychoseerfahrene eine Reduktion oder ein vollständiges Absetzen der Medikamente an. Das hiermit verbundene Rückfallrisiko kann reduziert und kontrolliert werden, wenn die Dosisreduktion behutsam vorgenommen wird, alternative Kompensationsmöglichkeiten zum Umgang mit psychotischen Symptomen gelernt und angewandt werden, eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, wichtigen Personen ihres sozialen Umfeldes und behandelnden Ärzten/Ärztinnen gewährleistet ist. Im Rahmen unserer Fortbildung werden vor allem mögliche Absetzphänomene aufgezeigt und Kompensationsstrategien dargestellt, die die Chance auf eine erfolgreiche Reduktion der Neuroleptika, ggfs. bis zum vollständigen Absetzen, erhöhen können. 

 

03.03.2009, 19.00h:  Vom Schlafen

                                  Gesunder Schlaf ist erquickend für Leib und Seele. Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Zivilisationskrankheiten, und die "Schlafmedizin" stellt mittlerweile eine eigene ärztliche Spezialdisziplin dar. In Zusammenhang mit akuten und chronischen Psychosen spielen Schlafstörungen eine besondere Rolle sowohl als Ursache wie auch als Folge psychischer Beschwerden und "Symptome", aber auch als Folge etwa der medikamentösen Therapie oder der sozialen Isolation und reduzierten Beschäftigungsmöglichkeiten, wie sie sich immer noch für viele aufgrund der Krankheit ergeben. Ständige Schläfrigkeit einerseits und ein anhaltendes Unvermögen, überhaupt richtig zur Ruhe kommen zu können, andererseits stellen nur die extremen Punkte auf einer breiten Skala möglicher Schlafbeeinträchtigungen dar. Im Rahmen unserer Fortbildung sollen Ursachen, medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten und Bewältigungsstrategien, aber auch Möglichkeiten zur Akzeptanz von Schlafstörungen, vor allem in Verbindung mit psychotischen Zuständen und den zu deren Behandlung eingesetzten Medikamenten, dargestellt und erörtert werden.  

 

05.05.2009, 19.00h:  Jahresmitgliederversammlung

 

07.07.2009, 19.00h:  Aggressionen – von quälenden (Selbst-)Zerstörungstendenzen bis zum kraftvoll-konstruktiven Angriff

                                  Der Begriff "Aggression" weckt spontan eher negative Gefühle, da die meisten Menschen es lieber mit verbindlichen, friedliebenden und kompromissbereiten Zeitgenossen zu tun haben wollen. Gleichwohl gehören aggressive Gefühle, Gedanken und Handlungen zu Grundelementen des menschlichen Verhaltensrepertoires. Die Unterdrückung aggressiver Strebungen kann ebenso zur massiven Belastung werden wie deren unangemessenes Ausagieren und die darauf folgenden Sanktionen. Besonders wer als "grundlos aggressiv" erlebt wird, muss mit schweren sozialen Folgeproblemen rechnen. Gerade Menschen in psychotischen Zuständen wird häufig ein besonderes Potenzial Gewaltbereitschaft und Feindseligkeit unterstellt - in aller Regel zu Unrecht. Im Rahmen unserer Fortbildung sollen mögliche Ursachen, Anlässe und Auslöser für aggressive Gefühle, Gedanken und Handlungen dargestellt und mögliche Strategien zu deren sozialverträglicher Abfuhr oder angemessenen Bewältigung entwickelt werden. Dabei werden insbesondere Konfliktkonstellationen erörtert, wie sie im Rahmen akuter und chronischer psychischer Störungsbilder besonders häufig auftreten können.

 

01.09.2009, 19.00h:  Zeitverrückungen – die Bedeutung des Zeiterlebens in Depression, Manie und Schizophrenie

                                  Neben der physikalisch messbaren Zeit, die durch mechanische Vorgänge definiert wird, trägt jeder Mensch seine gelebte Zeit in sich, die in Wellen, Rhythmen, mit Stockungen und Beschleunigungen, zum Teil in Schleifen, Zyklen und Bögen verläuft. "Ewige" Wartezeiten können zu "Langeweile" führen, dann wieder gibt es "Augenblicke", deren unbegrenzte Fortdauer man sich wünschen würde. Die Betrachtung seelischer Vorgänge unter dem Gesichtspunkt ihrer Zeitlichkeit  hat schon immer zu erstaunlichen Einsichten geführt. Auch die Psychologie und Psychopathologie haben ganz maßgebliche Impulse durch den Blick auf die Zeitlichkeit fast aller seelischen Inhalte erfahren. Im Rahmen unserer Fortbildung werden einige Aspekte des Zeiterlebens erörtert, wobei insbesondere auch Augenmerk auf qualitative Gesichtspunkte zeitlichen Erlebens, etwa die Frage nach dem "rechten Zeitpunkt" gelegt werden soll, für die unsere von Kalendern und Uhren bestimmten Lebensformen oft nur noch wenig Sensibilität aufweisen.

 

06.10.2009, 19.00h:  Raumverschiebungen – über die Orientierung in (psychotisch) veränderten Welten

                                  Abhängig von der Stimmung kann eine unbebaute Fläche das Empfinden von befreiender Weite oder auch von trostloser Einsamkeit vermitteln. Die emotionale und kognitive Erfassung, Definition und Empfindung von Räumen beeinträchtigt unserer Wahrnehmung der Außenwelt ganz maßgeblich. Auch "innere Räume", etwa die (verschlossene) Kammer des Herzens, können erkundet werden, erschließen sich oft umgehend, sobald wir sie nur erst durch irgendwelche Grenzen definiert und unsere Aufmerksamkeit auf sie gerichtet haben. Der Charakter der Fremdheit oder des Vertrauten macht sich oft an Details in Randbereichen unserer Erlebnisräume fest, die uns erst bewusst werden, wenn sie sich verändert haben. Auch wo in (psychotischen) Ausnahmezuständen die "Orientierung" verloren gegangen ist, ergibt sich die Notwendigkeit, Fixpunkte auszumachen, archimedische Punkte zu definieren, Koordinaten festzulegen, die neue Handlungsräume und Bewältigungsmöglichkeiten eröffnen. Ein solcher Raum kann das weiche Zimmer der Soteria sein, und im Rahmen unserer Fortbildung werden wir noch weitere Ansätze zur Gestaltung konstruktiver Räume durchdenken.

 

03.11.2009, 19.00h:  Frei nach Martin Buber: „Ich und Du!“

                                  Das unabhängige und autonome "Ich" ist ein theoretisches Konstrukt, das in seiner Reinform überhaupt nicht überlebensfähig wäre, ja nicht einmal entstehen könnte, da erst aus der Beziehung das Individuum erwächst und in der Beziehung sich wahrzunehmen lernen kann. Welche Beziehungsformen ein Mensch leben und entwerfen kann, hängt nicht nur von seiner Lebensgeschichte und seinen früheren Beziehungen und Prägungen, sondern auch von individuellen Neigungen und aktuell verfügbaren Beziehungspartnern ab. Distanz kann wohltuend, aber auch verletzend sein, Nähe wärmend, doch ebenso bedrohlich. Wie das "Du" wahrgenommen wird, ist untrennbar mit dem "Ich" verbunden und in jeder Beziehung werden die Beteiligten nicht nur ver- und entwirklicht, sondern auch verändert. Ob diese Veränderung und die daraus sich ergebende Entwicklung erweiternd,  hilfreich und heilsam ist, oder ob sie hemmt, zerstört oder gar "auflöst", hängt nicht selten von subtilen, kaum objektivierbaren Einflüssen ab. In unserer Fortbildung werden Möglichkeiten der Wahrnehmung und Gestaltung von, nicht nur therapeutischen, Beziehungen reflektiert und erörtert.

 

01.12.2009, 19.00h:  ...wie die Träumenden – von den Besonderheiten des „In-der-eigenen-Welt-seins

                                  Im Traum geschehen die merkwürdigsten Dinge und doch hält der Träumende sie meistens für "wahr" und "wirklich". Nach dem Aufwachen mag sich das Geträumte als "Kopf-Kino" deuten lassen und die spannende Frage aufwerfen, wer hier der Regisseur war, woher die Requisiten und das Drehbuch stammen. Luc Ciompi, Vater der europäischen Soteria-Bewegung, hat - nicht als erster - auf die Ähnlichkeiten zwischen Traumerleben und Psychose hingewiesen: Zumindest in akut psychotischen Zuständen relativiert sich der Unterschied zwischen "Traum" und "Realität", und die Frage, ob wir nicht irgendwann aus unserem individuellen oder kollektiven "Lebenstraum" heraus in eine andere "Realität" hinein erwachen könnten, beschäftigt immer wieder Dichter und Philosophen. Im Rahmen unserer Fortbildung soll reflektiert werden, welche möglichen Konsequenzen aus der Tatsache unseres Träumens wie auch aus Inhalten einzelner Träume gezogen werden können, wie unterschiedliche Deutungstechniken begründet wurden und wie die Fähigkeit zu träumen zur Brücke zwischen Menschen werden kann.